Rede, damit ich dich sehe

Können diese Augen lügen?

Es gibt im SWR-Fernsehen die Sendung «Sag die Wahrheit», in der drei Menschen behaupten ein und dieselbe Person zu sein: «Ich bin Sophie Haas und lasse die Katzen tanzen», so zum Beispiel stellen sich alle drei vor. Nun liegt es am sprach- und kommunikations-affinen Rateteam mit gezielten Fragen die eine Person herauszufinden, die mit ihren Antworten die Wahrheit sagt, und zugleich die beiden andern als Lügner zu entlarven.

«Sag die Wahrheit» ist nicht nur eine sehr unterhaltsame, überraschend-heitere, sondern auch eine äusserst aufschlussreiche Sendung. Wie erkennt man Lügen? Deine Sprache verrät dich ja – also, ganz einfach, sollte man meinen: Einfach auf die Sprache achten, oder genauer gesagt: Auf das Sprachverhalten!? Das Timbre der Stimme, der Gesichtsausdruck bei der Vorstellungsrunde? Die Wortwahl, die Gedankengänge bei den Antworten, die Überlegungsphase vor den Antworten, allfällige Versprecher, die Ausstrahlung, Mimik, Gestik…

Wer ist nun aber die wirkliche Sophie Haas? – Ich kann aus Erfahrung sagen, meistens liegt man falsch mit seiner Wahl, und man kann es kaum fassen! Zugegeben, die beiden anderen Lügner sind für ihre Rolle natürlich bestens und ausführlich vorbereitet, sie können vielfach souverän lügen.

Trotzdem: Lügen bedeutet Mehraufwand im Gehirn, man muss sich ja eine Realität zusammenbasteln, muss eine Realität spontan erfinden, muss diese möglichst überzeugend nach aussen vertreten und pedantisch darauf achten, dass man mit seinen folgenden Aussagen nicht auffliegt. Da kann man schon mal ins Schwitzen kommen, kann sich in den eigenen Gedanken verheddern und den Blick unsicher herum oder zu Boden schweifen lassen. Lügen ist Stress.

Für die Glaubwürdigkeit von Aussagen spricht − so erkennen Sprachprofiler und wissen Vernehmungs­spezialisten −, wenn die Antworten lebendig und konkret sind, detailliert, logisch, schlüssig und gefühlsmässig nachvollziehbar. Man hat ja das Gesagte schliesslich auch erlebt. Erlebnis fundierte Aussagen unterscheiden sich von frei erfundenen: Der Versuch zu verbalen Täuschungsmanövern zeichnet sich ab, wenn Antworten allgemein gehalten werden und konstruiert wirken, diffus klingen, ausweichend sind, mit nichtssagenden und ablenkenden Leeraussagen. Lügner reden mehr über andere als über sich selbst, denn sie versuchen die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Sie benutzen viel seltener das Wort «ich» als Menschen, die die Wahrheit sagen, dafür häufiger Pronomen der dritten Person «er», «sie». Zudem sind ihre Aussagen weniger detailliert und komplex. Und genau da heisst es jeweils für die Kommissarinnen und Kommissare in den TV-Krimis nachhaken, gezielt nachfragen, ja regelrecht nachbohren.

«Rede, damit ich dich sehe!» Sokrates, griechischer Philosoph
um 469 v. Chr.

Sprachprofiling

Der Begriff «Sprachprofiling» stammt aus der Kriminalistik, genauer gesagt: aus der forensischen Linguistik. Einem Fachgebiet, das sich damit beschäftigt, wie zum Beispiel Erpresserbriefe aufgrund der Wortwahl oder anhand des Satzbaus verdächtigen Personen zugeordnet werden können, oder wie ein Verdächtiger durch vergleichende Stimmanalyse überführt werden kann. Der Sprachprofiler schickt sich an, durch das gesprochene Worte oder den geschriebenen Text hindurch auf das Profil eines Senders zu blicken, um seine Persönlichkeit wahrzunehmen, die Denkweise, seine Einstellungen und Absichten zu erkennen. Ja gar, um den «sprachlichen Fingerabdruck» eines Menschen zu entschlüsseln. Denn wir Menschen sind und bleiben «Sprachwesen». Oder mit den oft zitierten Worten des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick zu sprechen: «Wir können nicht nicht kommunizieren.»

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