«Wir sind wohl immer und überall connected,
aber kaum mehr wirklich verbunden.»

Worte als Edelsteine oder loses Geröll – unsere Sprache im digitalen Wandel

In der Tat, unsere Sprache wird im digitalen Zeitalter ganz schön in die Zange genommen: unter anderem von der Übermacht der Bilder, der Wucht umgangssprachlicher Lebendigkeit und der Tendenz zu einem vulgären, emotionalisierten Sprachgebrauch. Der Sprache kann es eigentlich egal sein, wie sie sich entwickelt – als ewig kreatives, anpassungsfähiges System wandelt sie sich ständig, so oder so. Aber für uns Sprachbenutzer kann es entscheidend sein, welche Worte wir wählen: Worte wie Edelsteine oder Worte wie loses Geröll.

Es beginnt mit dem Durchschneiden der Nabelschnur bei unserer Geburt – zack, die Verbindung ist gekappt, und wir sind auf uns selbst gestellt. Aber als soziale Wesen brauchen wir Verbindung, wir benötigen Beziehung, suchen Verbundenheit. Sprache ermöglicht es uns, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten und uns auszutauschen. Sprache ist das Medium des gegenseitigen Verstehens. Evolutionsgeschichtlich betrachtet dienen Kommunikation und ihr verbaler Anteil die Sprache dazu, dass wir unser Zusammenleben effektiver gestalten können. Unsere Sprache bildet die Grundlage, um eine gemeinsame Kultur zu entwickeln. Und verändert sich unsere Kultur, dann verändert sich unsere Sprache und umgekehrt.

Merkmale des digitalen Wandels

Der digitale Wandel treibt eine Seite unseres Mensch-Seins auf die Spitze: die Rationalität. Im Prozess der Digitalisierung werden Dinge zu Daten, Schritt für Schritt wird unsere Wirklichkeit in das binäre System von Einsen und Nullen gebannt. Die Welt wird berechenbar und kontrollierbar gemacht. Ja, der Mensch selbst wird mit all seinen digitalen Spuren zu einem Datenpaket. Wir driften ab in eine Rationalität in Reinkultur. Diese Tendenz der Rationalisierung zeigt sich auch in unserer Sprache.

Im Umgang mit den digitalen Endgeräten werden wir Tag für Tag mit einer degenerierten Technologiesprache konfrontiert, mit einer vereinfachten Standardsprache. Der Reichtum unserer Sprache verkommt zu einer Sprache der Bedienungsanleitungen. Insbesondere auch in der Kommunikation von Mensch zu den smarten digitalen Assistenten, die auf Sprachbefehle reagieren − also in der Kommunikation von Mensch und Maschine −, offenbart sich diese technologisch-sachliche, blutleere Schrumpfsprache.

Und das Verhängnisvolle dabei: Unsere Sprache ist eng mit unserem Denken verbunden, die Sprache ist die Bühne unserer Gedanken. Sprache und Denken sind wie eineiige Zwillinge. Ja, mehr noch: «Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt.» (Ludwig Wittgenstein, 1889-1951, Philosoph). Vertrocknet nun die Sprache in reiner Sachlichkeit, hat das Folgen für unsere Art zu denken, ja für unsere Art zu leben. Wir selbst würden in unserem verarmten Sprachgebrauch zu eigentlichen Robotern.

Aber Jammern hilft nichts, das Patenrezept lautet: besser machen! Mit einem bewussten, persönlichen Sprachgebrauch! Loten wir die Möglichkeiten einer lebendigen Sprache gezielt aus, zum Beispiel mit Redewendungen, die unter die Haut gehen und nicht am Arsch vorbei. Oder mit einem breit gefächerten, lebendigen Wortschatz. «Vergrössern wir unseren Wortschatz, so bereichern wir unsere Welt!» (Ludwig Reiners, 1896-1957, „Stilistik-Papst“).

Unsere Sprache wird schneller, informeller, lockerer − easy

Das digitale Zeitalter fusst auf dem grenzenlosen, weltumspannenden Netz, auf dem wir überall und jederzeit, schnell und voll easy mit allen und allem Verbindung aufnehmen können. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten wir eine derart grosse Palette an Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung wie in der heutigen Zeit. Noch wie wurde so viel kommuniziert wie heute. Wie das?

Daten sind die Währung im digitalen Zeitalter und Daten bringen jede Menge Dynamik und Geschwindigkeit in unsere Interaktionen. Tempo Teufel. Echtzeit-Kommunikation. Was Wunder, dass die Sprache in sozialen Netzwerken echtzeitmässig schnell und von Verkürzungen und Auslassungen geprägt ist. WhatsApp fordert schnelle Antworten. SMS, Chat und soziale Netzwerke - ständig tippen wir irgendwelche Nachrichten. Statt mit dem besten Freund zu telefonieren, schicken wir schnell ein paar Kurznachrichten hin und her. Kurzfutter.

Unsere Sprache im digitalen Zeitalter wird lockerer, unkomplizierter, informeller: Chatten, bloggen, twittern. Diese Art zu schreiben ist das neue Sprechen, nicht mehr live-Kommunikation. Viele Menschen ziehen diese Art zu kommunizieren dem eigentlichen analogen Miteinander-Sprechen vor, privat und beruflich. Mit der Folge, dass wir eben so schreiben wie wir sprechen: in Wortsplittern, in unvollständigen Sätzen, und mit einer Grammatik, wie es halt gerade so kommt. Im Internet herrscht Rechtschreibe-Anarchie! Sprachpuristen kommt da das Grausen: Hilfe, Sprachzerfall! Aber wo Sprachbewahrer einen Kulturverlust sehen, schlummert auch viel Kreativität. Sprache ist ja ein kreatives System. Wie die alljährlichen Nominierungen von Jugend- und Unwörtern beweisen. Das geht dann von den «Snombies», diesem Mix aus „Smartphone“ und „Zombies“, über «fly sein» und «napflixen» bis hin zum «Inländervorrang light», der «Ventilklausel» und dem «Gutmensch». (Liste der Jugend- und Unwörter)

Kehren wir zu unseren Einstiegsgedanken zurück, wonach die eigentliche Funktion der Sprache eine verbindende ist. Wieviel Verbindung wird im beschleunigten Kommunizieren unseres digitalen Zeitalters wirklich geschaffen? Wollen wir 100 Followers oder fünf gute Freunde? Schätzen wir das persönliche Gespräch oder produzieren wir eher schnelle Schmalspur-Kommunikation? − Das eine tun und das andere nicht lassen! Der persönliche Mix macht‘s!

Auf alle Fälle: Der digitale Wandel fordert uns ganz schön heraus und geht an unser Selbstverständnis. Denn das Zeitalter der Digitalisierung ist auch das Zeitalter der Möglichkeiten. Und da sind wir aufgefordert, uns immer und immer wieder zu entscheiden. Uns zu entscheiden, nicht nur welches Produkt beim online-Shopping wir wollen, sondern ganz grundlegend welche Sprache wir künftig sprechen und wie wir unsere Beziehungen gestalten wollen?

Verbindlichkeit schafft Verbindung

Einst hatten Mönche in den Klöstern Worte − Buchstabe für Buchstabe − mit der Feder auf Pergament geschrieben. Voll Konzentration, Sorgfalt, Hingabe. Worte fast wie in Stein gemeisselt. Worte hatten Gewicht, hatten Bedeutung. Der Buchdruck vervielfältige in der Folge die Worte und schickte sie in die Massenproduktion. Unser digitales Zeitalter macht Wörter zu Gezwitscher. Wir erleben eine Inflation von Wörtern! − Wäre weniger nicht mehr? Denn bei bedeutungsleeren Worten schaltet unser Gehirn auf Durchzug, durch das eine Ohr hinein und durch das andere Ohr hinaus. Dabei hätte unsere Sprache die Kraft, ja die Macht, in den Köpfen der Menschen etwas zu bewegen, bewusst und gezielt.

Mit der rasanten Kommunikation bleibt oft nicht nur die Klarheit auf der Strecke, sondern jede Menge Unverbindlichkeit flutscht in unser Leben hinein. Mit der Unverbindlichkeit der Nachrichten und Informationen – der Gipfel davon sind Fake-news – geht eine Unberechenbarkeit der Menschen einher. Denn die schnelle digitale Kommunikation ermöglicht auch schnelle Meinungsänderungen. Wie Mister President, der neulich nach dem G7-Gipfel im Flugzeug noch kurzspitz seine Meinung geändert und die getroffene Vereinbarung über Bord geworfen hat. Vertrauensfördernde Sprache sieht anders aus: Die Gewissheit Mein-Wort-gilt schafft Verbindlichkeit, Verbindlichkeit schafft Vertrauen und Vertrauen schafft tragfähige Beziehungen.

Sprache gerät einerseits ins Abseits − und kehrt anderseits mit aller Kraft zurück

Die digitale Kommunikation lebt von Bildern, von Videos, von Fotos. Sachverhalte werden nicht mehr sprachlich vermittelt, sondern via Bild. Es ist wesentlich einfacher, schnell ein paar Bilder zu schiessen und zu versenden, als einen grammatikalischen Text zu verfassen. Die visuelle Kommunikation funktioniert auch deshalb so gut, weil sie direkt unsere Gefühle anspricht. Sprache gerät im Rahmen dieser übermächtigen Bilderflut arg ins Hintertreffen.

«Wenn ihr Selbstwertgefühl aus dem Gleichgewicht gerät,
werden Menschen besonders grandios.»

Im Zeitalter der Digitalisierung fallen Grenzen − und oft auch die Grenzen des guten Geschmacks. Das Internet und die sozialen Medien sind zu regelrechten Empörungs-Maschinerien geworden, zu Plattformen der Entrüstung, Shitstorms, wüste Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen. − Wie kommt es, dass im digitalen Wandel auch diese nicht sehr konstruktiven Ausdrucksformen ihren Platz finden?

«Ich find dich Scheisse» hiess Mitte der 1990er Jahre ein Songtitel der deutschen Mädchenband Tic Tac Toe. «Scheisse» − darf man das offiziell sagen, dieses Wort aus dem Tabubereich der menschlichen Psyche? Könnte dieses eine «unanständige» Wort in den 90er Jahren ein Fingerzeig gewesen sein, dass auch die Grenzen der menschlicher Tabubereiche bald einstürzen werden und mit ihnen Gefühle und dementsprechende Ausdrücke, die lange verdrängt blieben, das Licht der Welt erblicken?

Verena Karst, die Schweizer Psychologin, schreibt in ihrem Buch über den „Sinn des Ärgerns“ über diesen Tabubereich: «Berührt man diesen Bereich, kommt man mit einer grossen magischen Kraft in Berührung, die gefährlich sein kann. Benutzen wir Ausdrücke des Fluchens und der Entrüstung, wollen wir uns heimlich mit dieser Kraft aufladen – einer Kraft, die für den andern gefährlich werden soll. Es entsteht eine Art Wortmagie. Und wahrscheinlich geht es beim Fluchen darum, dass wir uns in eine omnipotente Grandiosität hinein flüchten. Wenn ihr Selbstwertgefühl aus dem Gleichgewicht gerät, werden Menschen besonders grandios! Fluchen und Schimpfen setzen dann ein, wenn die normale Selbstregulierung nicht mehr funktioniert, wenn der Selbstwert aus dem Lot geraten ist.»

Auch diese Möglichkeit, sich auszudrücken, eben in einer etwas roheren Art und Weise, hält der digitale Wandel für uns parat. Ob wir diese Möglichkeit beim Schopf packen oder ob wir unsere Meinung lieber etwas differenzierter äussern wollen, bleibt uns überlassen.

Deine Sprache verrät dich (Matth. 26.73)

Worte sind nicht nur Schall und Rauch, unsere Sprache ist Ausdruck unserer Persönlichkeit. In unserer Sprache spiegelt sich unser ganzes Mensch-Sein. Es geht ums Ganze! «In seiner Sprache ist der ganze Mensch gegenwärtig. Und so mag es nicht verwundern», so schreibt der Sprachprofiler F.H. Drommel, «dass sich in der Sprache alles Menschliche äussert, das allzu Menschliche und das Unmenschliche.» Wir outen uns, wenn wir den Mund aufmachen, mit der Wahl unserer Worte, der Betonung der Sätze, dem Timbre der Stimme, der Gestik, unserer Mimik. Wir können nicht nicht kommunizieren. Sprache drückt immer aus, was wir von der Welt und unseren Mitmenschen denken.

«Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache.» Anton Tschechov

Mit Worten als Edelsteinen – wie es der Titel dieses Textes proklamiert − sind nicht die schillernden, aber meist bedeutungsleeren Ausdrücke gemeint, sondern die Worte, die im Empfänger etwas auslösen, was für beide Seiten gewinnbringend ist. Worte, die das Leben in irgendwelcher Art und Weise erleichtern, vereinfachen, bereichern. Worte, die vertrauensvolle Beziehungen gestalten. − Jeder Alltag bietet zahlreiche Chancen für konstruktive Verbaltaten.