Digitalisierung – ein Fall für den gesunden Menschenverstand

In der Dynamik des digitalen Wandels werden wir in unseren Werten und Grundfesten ganz gehörig durchgeschüttelt, wachgerüttelt und auf den Prüfstand gestellt – sei es als Individuum, als Unternehmen, oder als Gesellschaft. Die Digitalisierung erschüttert unser ganzes Menschsein. Oder mit den Worten des Philosophen Ludwig Hasler: Die Digitalisierung «geht uns an die Knochen des humanen Selbstverständnisses».

Und in der Tat, nichts weniger als unsere Menschlichkeit steht auf dem Spiel! Wir sind als Menschen ganz schön gefordert in der digitalen Transformation: Die Digitalisierung geht uns an die Nieren. Warum Nieren? – Aus einer ganzheitlichen Gesundheitssicht steht die Niere, dieses paarig angelegte Organ, für das existentielle Zusammenspiel der Polaritäten. Die Nieren regeln das Gleichgewicht zwischen den fundamentalen Polen im Spiel des Lebens – dem Gleichgewicht zwischen den männlichen und den weiblichen Kräften. Und um dieses Gleichgewicht geht es letztendlich auch im digitalen Wandel.

Rationalität in Reinkultur

Was geschieht eigentlich im digitalen Wandel? − Im Prozess der Digitalisierung werden Dinge zu Daten. Schritt für Schritt wird Wirklichkeit in das binäre System von Einsen und Nullen gebannt, Prozesse werden standardisiert und in Algorithmen abgebildet, ja der Mensch selbst wird mit all seinen digitalen Spuren zu einem Datenpaket. Digitalisierung überführt Analoges in digitale Daten, macht Produkte, Abläufe, Menschen, macht Leben berechenbar, beherrschbar, kontrollierbar. Digitalisierung ist Rationalität in Reinkultur. Der digitale Wandel treibt die eine Seite unseres Mensch-Seins − unsere analytisch-rationalen Fähigkeiten − auf die Spitze. Oder Digitalisierung führt – dies ist Ansichtssache – Rationalität zur Meisterschaft. Auf alle Fälle: Die einseitige Betonung eines Wertes führt immer ins Extrem und wird zur Bedrohung. Und ruft den Gegenpol auf den Plan.

Der andere Pol unseres Lebens ist das Reich des Unberechenbaren, unserer Emotionalität, unserer sozialen Kompetenz, Einfühlungsvermögens, der Kreativität. Sind Nestwärme und Vertrauen je einmal digitalisierbar? − Die Digitalisierung katapultiert uns mitten hinein in dieses Spannungsfeld des menschlichen Daseins, indem sie uns pure Rationalität vor Augen führt, unter anderem in Form von vollkommen rational funktionierenden «smarten», aber seelenlosen Maschinen, vom Smartphone bis hin zum Roboter. Maschinen, die uns gar unsere Existenz streitig machen. Wir bekommen gehörig Konkurrenz! Aber dadurch sind wir auch aufgefordert, ja sogar gezwungen, unser Menschsein grundlegend zu hinterfragen. Denn wenn es so ist, dass Maschinen uns bald unseren Rang als intelligenteste Spezies auf dem Planeten streitig machen, dann tun wir gut daran, uns auf die «menschlichen Alleinstellungsmerkmale» zu besinnen, auf all das nämlich was uns als Menschen ausmacht und was gar nicht (oder nicht so schnell) digitalisiert werden kann. Oder anders herum gefragt: Wie steht es eigentlich − angesichts der bedrohlichen künstlichen Intelligenz − um unsere natürliche Intelligenz, um unseren gesunden Menschenverstand?

Gesund ist meiner Meinung nach der Menschenverstand dann,

wenn beide Seiten des Menschseins gleichberechtigt zum Zuge kommen, die berechenbare und die unberechenbare Seite, das rein logische, sachliche Denken und die Emotionalität, das ganzheitliche Erleben, das soziale Miteinander, das kreative Potential. Gesund ist der Menschenverstand dann, wenn es ihm gelingt, diese beiden Pole souverän wahrzunehmen, bewusst zu entscheiden und in der Folge entsprechend zu handeln. Dieses Gleichgewicht neu zu entdecken, dass fördert und fordert der digitale Wandel von uns.

Welche Zukunft wollen wir?

Wir fahren in Sachen Digitalisierung dann am Besten, wenn wir uns erst einmal auf uns selbst besinnen. Für einen gelingenden Umgang mit der Digitalisierung schaffen grundlegende Fragen ein gutes, ein gesundes Fundament: Was ist mir, was ist uns wirklich wichtig? Welche Werte wollen wir pflegen und fördern? Wohin führt uns unser Wertekompass? Oder auf einen Nenner gebracht: Welche Zukunft wollen wir? − «Wenn wir so für uns Klarheit finden», so resümiert der Ethik-Philosoph Radermacher, «dann ist der Rest wohl immer noch kein Kinderspiel, aber wir fühlen uns als die, die wir eigentlich sind: als Gestalter unseres Lebens. Wir fühlen uns im Rahmen des digitalen Wandels weniger getrieben, weniger ohnmächtig, weniger irgendwelchen äusseren Entwicklungen ausgeliefert. In der Tat, guter Rat ist teuer: Er verlangt Selbstverantwortung und Selbstdenken.»

Ein besseres Leben!?

Natürlich begegnet uns die Digitalisierung im Alltag vor allem in Form neuer technischer Errungenschaften. Aber die Digitalisierung ist nur vordergründig ein reines Technologie-Thema. Die Transformation geht tiefer, aus dem technologischen Systemwandel kann ein fundamentaler Kulturwandel werden. Denn wenn wir nicht nur die Technik auf Vordermann bringen, sondern auch unser Welt- und Menschenbild updaten, wenn also zusammen mit dem Hard- und Software-Update zugleich ein Update unseres Denkens, Empfindens, unseres Bewusstseins einhergeht, dann kann uns die Digitalisierung grundlegend voranbringen. Hin zu einem einfacheren, leichteren, besseren Leben.

Zwischen Beglückung und Angststarre

Digitalisierung ist Realität. Unsere Realität. Unser Leben ist durchdrungen vom Digitalen. Mehr noch: Unser Wohlstandsleben ist abhängig davon, ist nur noch digital steuerbar. Unser Leben ist auf allen Ebenen so komplex geworden, Konsum, Mobilität, Partnersuche…, dass wir mit unserem Menschsein nicht mehr nachkommen – nachkommen mit Rechnen, mit Denken, Planen, Organisieren. Wir brauchen all die digitalen Hilfen. Nur: Wie viel Freiheit wollen wir delegieren, wie viel Unabhängigkeit aufgeben, wie viel Abhängigkeit eingehen? - Auch dies eine Frage des gesunden Menschenverstands! Klar ist, die Digitalisierung ist kein vorübergehender Trend, sondern bildet die Grundlage, auf der die Zukunft unserer Wirtschaft, ja unserer ganze Gesellschaft aufbaut. Die Frage ist nicht, ob wir im digitalen Wandel dabei sind, oder nicht. Die Frage ist lediglich: wie wir dabei sind? Ob passiv den Entwicklungen ausgesetzt, oder aktiv, gestaltend, reflektiert-aufgeklärt, partizipierend.

Ein Balanceakt!

Tag für Tag werden wir mit neuen technologischen Verheissungen aus der digitalen Welt beglückt. Fast im gleichen Takt erscheinen auch düster-bedrohliche Prognosen zur Digitalisierung. Daraus entsteht eine Mischung aus Optimismus und gleichzeitig grosser Unsicherheit und Angst. Wir geniessen im digitalen Zeitalter auf der einen Seite eine grosse Menge an Annehmlichkeiten, wir geniessen all die «digitalen Segnungen», auf die wir nicht mehr verzichten möchten: den Gewinn an Information, die Möglichkeiten zu kommunizieren, Kontakte zu pflegen, Leben und Arbeit zu gestalten. Auf der anderen Seite sehen wir die Schattenseiten der Digitalisierung: gefühlte Über-Technologisierung, Überforderung, Bedrohung, Erreichbarkeitswahn, digital distraction (digitale Zerstreutheit), Verarmung der Sprache, usw…

Leben im Zeitalter der Digitalisierung bedeutet: Leben in einer digital verursachten Ambivalenz. Ja, ist nicht gerade genau dieses Spannungsfeld ein Kennzeichen unserer digitalen Zeit? Einerseits Unbehagen, grosse Herausforderungen, anderseits Segnungen, Chancen, Möglichkeiten. Auf alle Fälle: Der Umgang mit der digital verursachten Ambivalenz ist ein Fall für den gesunden Menschenverstand! Und in erster Linie ein sehr persönlicher Balanceakt. Ein Akt des Abwägens, des Entscheidens, immer und immer wieder. «Menschliches Sein ist entscheidendes Sein.» (Karl Jaspers). Die digitale Überfülle an Informationen, Angeboten und Möglichkeiten zwingt uns dazu, uns immer wieder, mehr denn je, und schneller denn je zu entscheiden. Auch eine natürliche, klare Urteilskraft und ein wacher Geist sind Markenzeichen des gesunden Menschenverstands.

Eine Frage des Vertrauens

In der Tat, ein Balanceakt in einer Welt, die sich rasant ändert und die zusammenrückt und irgendwie immer kleiner wird. Denn, gleichgültig wo auf unserem Globus etwas passiert, die Geschehnisse erreichen uns tatsächlich, effektiv, sie beeinflussen unser Leben, unseren Alltag, unser soziales Miteinander. Fast wie einst auf dem Dorfe, wo jeder jeden kannte, wo alle alles wussten!? Und in der Tat, unsere Transparenzgesellschaft schreitet genau in diese Richtung, aber die Basis unserer Beziehungen ist im digitalen Zeitalter eine grundlegend andere. Die Grundlage unserer Beziehungen ist und bleibt eine Frage des Vertrauens. Aber Vertrauen geht heutzutage anders: Vertrauen ist nicht mehr wie einst auf dem Dorfe eine Selbstverständlichkeit, basierend auf Vertrautheit, Einfachheit, Klarheit und Sicherheit, sondern im Gegenteil! Komplexität, Unsicherheit und Misstrauen prägen unser digitales global village.

Global village? Oder doch eher eine global city, eine megacity, mit all ihren Problemen und Chancen, ihrer Fülle und Gefahren? In der Megacity des digitalen Zeitalters gibt es Vertrauen nicht mehr gratis. Modernes Vertrauen fordert Achtsamkeit, Selbstbewusstsein und eine geschmeidige Art der Wachheit. Dabei ist eine gesunde Portion Skepsis nicht nur angesagt, sondern geradezu überlebenswichtig. Skepsis ist die Fähigkeit des ruhigen Betrachtens, des Untersuchens, des Überlegens. Skeptisch sein heisst – dies eine Hauptaufgabe für den gesunden Menschenverstand im digitalen Zeitalter: sich schlau machen über die neuen technischen Möglichkeiten, sich bewusst damit auseinandersetzen, abwägen, selber denken. Skepsis ist aber nicht dasselbe wie Ablehnung, Abwarten oder Nichtstun. Die Digitalisierung lässt sich nämlich nicht aussitzen. Sich in einem konstruktiven, wachen und skeptischen Sinn mit dem (unausweichlichen) Wandel auseinanderzusetzen ist eine erfolgreiche Option des gesunden Menschenverstands. Vertrauen mitten im digitalen Wandel heisst, ganz schön auf Zack sein.

Entgrenzung braucht Abgrenzung

Das Internet ist die globale Datenautobahn, die uns rund um den Globus vernetzt und verbindet. In der Digitalisierung fallen Grenzen und zwar nicht nur die des guten Geschmacks. Im digitalen Zeitalter gibt es Kommunikation und Information grenzenlos, jederzeit. Diese Entgrenzung ist eine Herausforderung. Im grenzenlosen, digitalen Raum sind wir aufgefordert, selbst Grenzen zu setzen, sind aufgefordert, selbst zu denken und zu entscheiden, was wir an Information an uns heranlassen. Grenzenlosigkeit braucht Abgrenzung. Souverän Grenzen zu setzen − das ist die Champions League des gesunden Menschenverstands! Wenn die Champions League des gesunden Menschenverstands in der Souveränität des bewussten Grenzen-Ziehens besteht, dann besteht die Meisterschaft des gesunden Menschenverstands im konstruktiven Umgang mit Veränderungen und in der Fähigkeit, daraus eigenen Nutzen zu ziehen.

Der geschmeidige Umgang mit Neuem

Leben bedeutet Veränderung. Diese Binsenwahrheit wird uns insbesondere im digitalen Wandel vor Augen geführt. Wir Menschen sind aber Gewohnheitstiere, lieben das Gewohnte, schätzen die Komfortzone, die Nestwärme. Unsere heutige Welt ist geprägt von Dynamik und Komplexität. Und: Sie wird zunehmend unberechenbar und wir verlassen uns mehr und mehr auf Technologien, die selbst immer anfälliger werden. Unsere Welt ist fragil, ungewiss, mehrdeutig. Das Unerwartete ist das neue Normale. Auch Flexibilität, Geschmeidigkeit und eine selbstbewusste Offenheit sind Eigenschaften, die dem gesunden Menschenverstand gut anstehen.

Und auf der anderen Seite bietet eine sich stetig und rasant wandelnde Welt auch stetig neue Möglichkeiten. Für den, der sie zu nutzen weiss. Und die neuen Gestaltungsräume im digitalen Zeitalter sind gigantisch. Denn wenn uns die Digitalisierung eines bietet, dann ist es eine Fülle an neuen Möglichkeiten. Die beste Option, die Zukunft zu gestalten, besteht wohl darin, sich auf nichts blind zu verlassen, sondern voller Selbstvertrauen genau hinzuschauen, selber zu denken, Chancen zu erkennen, sie auf Herz und Nieren zu prüfen und sie beim Schopf zu packen. Durch (selbst)bewusste Teilnahme an der Digitalisierung eröffnen sich uns faszinierende Möglichkeiten und Chancen.

Die Digitalisierung ist eine Herausforderung für den gesunden Menschenverstand

Gesunder Menschenverstand weiss, was er ist, hat und will. Naives und blindes Vertrauen sind seine Sache nicht, dafür umso mehr ein wacher Geist, eine gesunde Prise Skepsis und eine klare Urteilskraft. Und auch die mutige und pragmatische Ausrichtung des gesunden Menschenverstands ist ein sicherer Wegweiser für einen konstruktiven Umgang mit dem Digitalen.

Weiterführende Literatur

  • Radermacher, Ingo, Digitalisierung selbst denken, eine Anleitung, mit der die Transformation gelingt, Göttingen 2017.
  • economisuisse/ WIRE, Zukunft digitale Schweiz, Wirtschaft und Gesellschaft weiterdenken.
  • Ludwig Hasler, Ich glaube, wir sind etwas überfordert durch die Moderne, Interview, auf: persönlich.com.
  • Kaufmann Isabel, Chancen und Risiken der Digitalisierung, Forschungsarbeit, FHNW, 2015.
  • Leberecht Tim, Wir brauchen einen neuen Humanismus, future day 2017, zukunftsinstitut.de.
  • Schiel Andreas, Digitalisierung ist ein Versprechen für mehr Menschlichkeit, zukunft-personal.de