«Haben wir haben vor lauter Spass,
Fun und Vergnügen,
die Fähigkeit zur Freude eingebüsst?»

Werner Berschneider,
aus: Sinnorientierte Unternehmensführung

Spass im Job ‒ oder Freude an der Arbeit?

17. Juni 2020

Freude bei der Arbeit entsteht, wenn wir unsere Fähigkeiten und Kräfte einsetzen, um Aufgaben zu erfüllen, wenn wir uns auf ein Ziel hin anstrengen, etwas leisten, und wenn wir dabei auch Schwierigkeiten meistern. Die Erfüllung sinnvoller Aufgaben macht Freude. Etwas anders sieht die Lage aus, wenn wir vor allem Spass im Job haben wollen.

Das Wort Spass kommt oft sehr leichtfüssig, easy, leichtfertig, ja oberflächlich daher. Zugehörige Wörter weisen in die gleiche Richtung: spassig, Spässchen, Spassvogel. Der Ursprung des Wortes gibt Aufschluss: spassare bedeutet zerstreuen, unterhalten, sich die Zeit vertreiben. Und in der Tat, es braucht ab und zu auch in der Arbeitswelt ein paar Farbtupfer, um den grauen Berufsalltag aufzuhellen. Aber was geschieht, wenn Spassorientierung absolute Priorität hat und an erster Stelle der Arbeitsmotivation steht? Was passiert, wenn die Farbtupfer zum zentralen Inhalt der Berufswelt erklärt werden? Lässt sich mit Spassorientierung erfolgreich sein?

Reine Spassorientierung wird dann geradezu bedrohlich, wenn sie mit mangelnder Verantwortung einhergeht. Haben wir gar vor lauter Fun und Vergnügen, die Fähigkeit zur Freude eingebüsst? Warum sind wir so anspruchslos, warum sich nur mit Spass zufriedengeben? Der Haken an der reinen Spassorientierung: Die übertrieben starke Suche nach Vergnügen mündet in einen Teufelskreis. Die Amüssements hinterlassen uns letztlich unerfüllt und unzufrieden, denn das Defizit an Sinn bleibt.

«Freude schöner Götterfunken»

Ludwig van Beethoven,
9. Symphonie

Etwas anders steht es um die Freude: Freude geht tiefer, Freude rührt den ganzen Menschen, hält an und vermittelt eine Ahnung von Fülle. Manchmal erleben wir Freude, ohne uns anstrengen zu müssen, bei schöner Musik, bei einem wohltuenden Gespräch. Aber auch Aufgaben, die wir mit voller Konzentration und Hingabe erfüllen, verursachen Freude. Die Freude, die aus der Überzeugung resultiert, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.

In jedem Beruf gibt es Arbeiten, die weder Spass noch Freude bereiten, die aber dennoch gemacht werden müssen. Mit welcher Motivation sollen wir das tun? Zum Beispiel wird es für eine Pflegefachfrau – auch in Nicht-Corona-Zeiten – kaum ein Vergnügen sein, Tag für Tag die Windeln ihrer betagten Patienten zu wechseln. Trotzdem wird sie sich freuen, wenn sie das Wohlbefinden der betagten Patienten wahrnimmt und vielleicht mit einem Lächeln beschenkt wird. Das ist die Freude, die aus der Überzeugung resultiert, etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Wirkliche, tief empfundene Freude im Berufsleben erwächst aus eigenem Entscheiden und eigenem Handeln.

Freude und Glück im Leben stellen sich nicht als Folge der Bedürfnisbefriedigung ein, sondern im Gebrauch der eigenen Kräfte und in der Erfüllung sinnvoller Aufgaben. – Auf geht’s!