Kreativ schreiben

Die Sprache ist ein grundlegend kreatives System. Wer sich mit der Sprache beschäftigt, kurbelt automatisch seine Kreativität an. Ein Blick in unser Gehirn offenbart ein besonderes Teamwork ‒ das Teamwork vom Buchhalter und dem Künstler in unserem Kopf: Ein Schreibstil, der nämlich allein von der linken Gehirnhälfte aus gesteuert wird, ist für gewöhnlich langweilig, häufig geschwollen, klischeehaft blass, leblos und steif. Leider ist dabei die Sprache zum Teil oder eben ganz aus der rechten Gehirnhälfte vertrieben worden. Rechtsdominant würde nämlich Bildhaftigkeit und Ganzheit produziert. In unseren Köpfen arbeiten also zwei Informations-Verarbeitungsmodi.

Dann wird’s spielerisch, dann entsteht Kreativität

Ich nenne die linke Gehirnhälfte den «Buchhalter im Gehirn». Er hat den Blick fürs Detail, für Logik und Struktur. Hier ist das Sprachzentrum beheimatet. Sprache ist in erster Linie ein System. Die rechte Gehirnhälfte hingegen pflegt den Sinn fürs Ganze, fürs Umfassende, für die Welt der Bilder, der Gefühle. Beide Hemisphären sind für sich schon fantastisch, aber zusammen wird’s erst recht grossartig.

Das Teamwork aus begrifflichem und bildlichem Denken, das Wechselspiel der linken mit der rechten Gehirnhälfte erzeugt Kreativität. «Wenn jeder der beiden Verarbeitungsmodi seinen Platz gefunden hat, dann spielen sie sich gegenseitig die Bälle endlos zu – einander fördernd, anregend und entlastend. Dann wird’s spielerisch, dann entsteht Kreativität» (Dorothea Brande, «Becoming a writer»).

«Den Wortschatz erweitern heisst,
nicht nur die Sprache beleben, sondern
sein Leben bereichern.»

Rainhard M. Nikkisch, 1933
Germanistikprofessor & Stilistikpapst

Aufs Spielfeld! ‒ zwei Aufwärmübungen zur verbalen kreativen Fitness

Halten wir Ausschau nach Synonymen! Und dann suchen wir Synonyme von Synonymen. Schnell gelangen wir so durch einfache Wortschatzübungen in die Weiten unserer Verballandschaften im Kopf. Ein Hilfsmittel ist www.woxikon.de. Übung macht den Meister, Tipp: Einmal am Tag für ein Wort seiner Wahl 5 bis 10 Synonyme suchen. Das lüftet das Gehirn umgehend, merklich und nachhaltig. Und das Beste: «Den Wortschatz erweitern heisst, nicht nur die Sprache beleben, sondern sein Leben bereichern.»

Ein zweiter Weg hin zu einer ausdrucksstarken Sprache: Befassen wir uns mit Redewendungen, auf dass die Sprache wieder Hand und Fuss hat, die Worte runter gehen wie Honig und Balsam für die Seele sind. Schon das simple Bemühen um Redewendungen wirkt Wunder und färbt ab. Wenn man sich entschliesst, ein Auge für Redewendungen zu entwickeln, sieht man sie überall, ja, sie springen einen geradezu an, von den Titelseiten der Zeitungen, sie tönen einem entgegen von den Tagesschausprechern.

«Man brauche gewöhnliche Worte und
sage ungewöhnliche Dinge.»

Arthur Schopenhauer, 1788-1860
deutscher Philosoph & Autor

Was macht eigentlich Redewendungen so kraftvoll? In ihnen steckt nämlich die ganze Griffigkeit, die Wucht und Lebendigkeit unserer deutschen Sprache. Redewendungen greifen zurück auf das allgemeine Sprachbewusstsein und beziehen ihre Worte aus dem Alltag, sie leben von einfachen Bildern: Kein Blatt vor den Mund nehmen, aber auch kein Blech reden.