«Guter Rat ist im digitalen Wandel teuer:
Er verlangt Selbstverantwortung und Selbstdenken»

Ingo Rademacher,
Klardenker & Keynote Speaker

Kommunikation –
rasant und unverbindlich

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so viel kommuniziert wie heute. Der digitale Wandel bietet Information und Kommunikation grenzenlos, rund um die Uhr, 7/24. Die Digitalisierung geht mit einer Fülle von Kommunikations-Möglichkeiten einher, nie zuvor gab es so viele Optionen zur Kontaktaufnahme, zur Kontaktpflege, nie zuvor konnte man schneller und einfacher kommunizieren, schriftlich, mündlich, visuell.

Menschliche Sprache und Kommunikation dienen von Natur aus dem besseren gegenseitigen Verstehen und zum Aufbau guter Beziehungen. Aber je rasanter die Kommunikation ist, desto mehr bleiben Verständnis und Klarheit auf der Strecke. Das Internet mutiert im digitalen Zeitalter zu einer rasanten Empörungsmaschinerie, mit Shitstorms und Beschimpfungen, samt jeder Menge vulgärer, schnoddriger Sprache. Die sozialen Medien leben von diesen schnellen Exzessen, bei denen Wertschätzung und Respekt meist einen schweren Stand haben. Bei aller Meinungsäusserungs- und Selbstdarstellungsfreiheit, die Beziehungsebene in der digitalen Kommunikation leidet. ‒ Könnte man gar von einer entgleisten Kommunikation sprechen? Aber auch die Sachebene der Kommunikation, die eigentliche Vermittlung von Informationen, hinkt in schnellen digitalen Zeiten arg hinterher. Die «Zuvielfalt» und Komplexität an Informationen macht es uns nicht gerade leicht, Botschaften auf den Punkt zu denken und ebenso prägnant zu formulieren. Die Klarheit der Gedanken gibt es aber nicht umsonst ‒ das ist Arbeit, Denkarbeit, ja geistige Herausforderung. «Denken tut weh» (Öden von Horvath).

Mensch-Maschine-Kommunikation ‒ die Standardisierung der Sprache

Wenn Menschen früher geschrieben haben, dann haben sie das immer in der Absicht getan, dass andere Menschen das Geschriebene lesen. Im digital vernetzten Zeitalter ist dies längst nicht mehr der Fall. Viele Texte im Netz werden heute in dem Bewusstsein geschrieben, dass die Texte von Suchmaschinen durchsucht werden, und sie werden auf die Indexierungs- und Ranking-Algorithmen der Suchmaschinen hin optimiert. Die Adressaten bei suchmaschinenoptimierten Texten sind also nicht mehr nur die Menschen, sondern auch je länger je mehr Maschinen. Sprache ist immer weniger eine exklusive Eigenschaft der Spezies Mensch, Maschinen haben einen wachsenden Einfluss auf das soziale Konstrukt Sprache.

Immer dann, wenn wir direkt sprachlich mit Maschinen interagieren ‒ das beginnt beim täglichen Gebrauch des Smartphones ‒ dann sind wir gezwungen, unsere Sprache den Verarbeitungsmöglichkeiten des Computers anzupassen. Die Mensch-Maschine-Kommunikation verlangt nach einer Standardisierung unserer Sprache, das bedeutet eine massive Reduktion der sprachlichen Möglichkeiten, eine Standardisierung unseres Sprachverhaltens, eine Reduzierung der Varianten und eine Vermeidung von Ambiguitäten, die zum Misslingen der Kommunikation führen könnten. Kurz: Vereinheitlichung, Vereinfachung, Logisierung, Verarmung.

Die Krone der Schöpfung!?

Sprache ist ein dynamisches System und immer schon einem steten Wandel unterworfen. Im digitalen Wandel hat unsere Sprache aber zusätzlich übermächtige Konkurrenz erhalten: Zunehmend muss sie nämlich auch der visualisierten Kommunikation Platz machen, den Fluten an Bildern, Videos und Fotos. Mehr und mehr werden Sachverhalte in der Welt nicht mehr sprachlich vermittelt, sondern via Bild. Denn es ist wesentlich einfacher, schnell ein paar Bilder zu machen und zu versenden, als einen Text zu schreiben.

Trotz grassierender Sprachverarmung bleibt unsere Sprache ein einzigartiges menschliches Potential! Aber der Status der Sprache als menschliches Alleinstellungsmerkmal bröckelt. Oder fällt uns Menschen als Krone der Schöpfung zudem auch schon bald ein Zacken aus der Krone angesichts der künstlichen Intelligenz, und wir sind nicht mehr die wortgewandtesten und intelligentesten Wesen auf dem Planeten?