«Krisen sind Angebote des Lebens, sich zu wandeln.
Man braucht noch gar nicht zu wissen, was neu werden soll.
Man muss nur bereit und zuversichtlich sein»

Luise Rinser, 1911 - 2002,
deutsche Schriftstellerin

Auf dem Sprung ins Neue

Die Corona-Lektion als Chance

15. Mai 2020

Wie anfällig und fragil unser Leben doch ist, das hat uns die Corona-Lektion in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: Plötzlich ist alles anders, nichts mehr selbstverständlich, Leben steht Kopf, das gesellschaftliche Miteinander lahmgelegt, die Wirtschaft auf Halbmast oder ganz an die Wand gefahren. ‒ Hat das Ganze überhaupt einen Sinn? Ja und nein! Leben hat immer den Sinn, den wir ihm zu geben vermögen. Es gibt nicht den Sinn des Lebens, Sinn ist immer individuell und auf die jeweilige Situation bezogen. Es liegt an uns.

Eines aber ist sicher: Unsicherheit herrscht! Vor allem in Krisenzeiten ist die Verunsicherung jeweils besonders gross, denn Krisen sind immer auch Angebote des Lebens zur Änderung. Und Veränderung ist immer auch mit Angst und Bedrohung verbunden. Trotzdem: Es ist erstaunlich und bemerkenswert, ja geradezu irre, wie ein (einfacher) Virus unser Weltgefüge aus den Angeln gehoben hat und unser Leben auf den Kopf stellt. Und dabei keinen Lebensbereich verschont. ‒ Was tun?

Aus Mist Humus machen

Angesichts einer Welt, die mittlerweile gespickt ist von Ungewissheit, die durchzogen ist von Komplexität, von Verwundbarkeit an allen Ecken und Enden und die geprägt ist von Turbulenzen, von Chaos, von Fragilität ist es sinnvoll, sogenannte «Antifragilität» zu entwickeln. Die Fähigkeit zur Antifragilität übersteht nämlich Veränderungen nicht nur unbeschadet, sondern nutzt sie geradezu als Wachstumsfaktor.

«Das Unerwartete zu erwarten,
verrät einen durchaus modernen Geist»

Oscar Wilde, 1854 - 1900,
Irischer Schriftsteller

Antifragilität ist mehr als Anpassungsfähigkeit oder Resilienz: Anpassungsfähigkeit zielt darauf ab, unser Überleben zu sichern, gemäss dem bekannten Zitat von Charles Darwin: «Es ist nicht die stärkste, noch die intelligenteste Art, die überlebt hat, sondern diejenige, die sich am besten an die Veränderungen anpasst hat». Und Resilienz stärkt unsere psychische und seelische Robustheit und Geschmeidigkeit, unsere Stehaufmännchen-Qualitäten. Antifragilität geht noch einen Schritt weiter und nutzt das Unberechenbare des Lebens bewusst als Gelegenheit, zu wachsen, als Chance, sich zu entwickeln, zu lernen, besser zu werden. Friedrich Dürrenmatt liess seinen Protagisten Augias in der gleichnamigen Komödie «aus Mist Humus machen», im Garten hinter dem Haus, im Stillen, jenseits der grossen Amtsgeschäfte als Politiker. Auch die Corona-Lektion drängt uns (offiziell) zurück, zurück auf uns, zurück in unsere vier Wände, zurück aufs Einfache, aufs Wesentliche.

Und plötzlich haben wir Zeit

In der Businesshektik vor dem Corona-Einschnitt war Zeit ein rares, ein wertvolles Gut, Zeit ist Geld! Blieb uns da vor lauter Raserei nicht oft gar die Luft weg. Und was macht das Virus? Es zielt geradewegs auf unser Luftorgan, die Lunge, auf das Grundlegendste in unserem Leben, die Luft zum Atmen. Und nun nach dem ersten Schock von Mitte März können wir jetzt wieder etwas durchatmen. Plötzlich haben wir nun Zeit. Haben Zeit, nachzudenken. Auf unternehmerischer wie auf persönlicher Ebene ist es Zeit für eine tiefgreifende Reflexion.

Was mache ich eigentlich aus meinem Leben? Was ist für mich wichtig? Schlummern noch verborgene Talente in mir, die es nun zu entfalten gilt? Was begeistert mich? Und noch konkreter: Wie steht es um meine Fitness, mein Immunsystem? Denn das Virus wird nicht vorbeigehen wie eine lästige Grippe und wir können dann einfach wieder zur sogenannten Normalität übergehen. Nein, das Coronavirus ist Teil unseres Lebens und bleibt es. Wir können es nicht verhindern, aber wir können, ja müssen lernen, damit zu leben, es zu managen. Da tun wir persönlich gut daran, unser Immunsystem flott zu machen und uns so gesundheitlich vorausschauend zu wappnen.

Unternehmerische Chancen

Vorausschauend Wappnen auf unternehmerischer Ebene bedeutet, sich Gedanken zu machen über die Mission, die einem Unternehmen zu Grunde liegt, und die nun angesichts der geänderten Rahmenbedingungen auf den Prüfstand gestellt gehört. Was ist unsere Aufgabe als Unternehmen, unsere Existenzberechtigung im Markt? Drei Fragen weisen den Weg auf den Spuren zur Mission: «Was tun wir gern und gut?» (Tätigkeiten), «für wen tun wir das?» (Zielgruppen) und «welchen Nutzen haben unsere Zielgruppen von unserer Tätigkeit?» (USP).

«Radikale Veränderungen sind die
ergiebigste Quelle für unternehmerische Chancen»

Peter F. Drucker, 1909 - 2005,
Managementdenker

Das eigene Geschäftsmodell im Angesicht der Corona-Lektion so zu hinterfragen und weiterzudenken, das eröffnet Perspektiven. Denn «der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre steht in der Corona-Krise vor der Aufgabe, sich vollkommen neu auszurichten. Umdenken! Die Krise ist eine eigentliche Geburtshelferin für Neues», resümiert der deutsche Bundes-Entwicklungsminister Gerhard Müller. Wie unkompliziert und schnell dabei auch jede Menge Innovationskraft freigesetzt werden kann, zeigt sich heute schon allüberall.

Beziehungsmanagement

Ein zentrales Thema im Rahmen der Corona-Lektion sind auch unsere Kontakte und unsere Beziehungen. Denn gerade in Krisenzeiten zeigt es sich, wie anfällig in Unternehmen vielfach auch Lieferketten sind. Ist der Nachschub an Ressourcen auch in turbulenten Zeiten gewährleistet? Diese Beziehungen gilt es, kritisch zu prüfen und allenfalls neu und nachhaltig erfolgreich zu gestalten. Auf der anderen Seite der Wertschöpfungskette stehen die Beziehungen zu den Kunden. Wie schaffen wir es, dass Kundenbeziehungen auch in der Corona-Lektion nicht abreissen? Ja, bestehen gar Möglichkeiten, die Beziehung zu unseren Kunden enger zu gestalten? Denn gerade in Krisensituationen offenbart sich der Wert vertrauensvoller Beziehungen. Das Zauberwort in der Beziehungspflege ist und bleibt Kommunikation! Kommunikation ist die Brücke zwischen Menschen und ermöglicht uns Austausch. Kommunikation fördert das gegenseitige Verstehen und das Vertrauen. Und die Vertrauensbasis ist fundamental wichtig auf dem Weg zu einem neuen Miteinander. Aber nicht nur unsere Geschäftsbeziehungen erfordern ein Update, ganz allgemein zeichnet sich ein neues, ein anderes Miteinander ab.

Ist der Mensch als Herdentier ein Auslaufmodell?

In der Corona-Lektion sind wir offiziell zu sozialem Abstand gedrängt, ja gezwungen worden, in die Isolation, für manche gar in die Einsamkeit. ‒ Wohl um den Wert unserer Beziehungen neu zu entdecken? Mit welchen Menschen ist es wirklich wichtig, verbunden zu sein? Was sind eigentlich tragfähige Beziehungen in unserem Leben, sind es die Dutzenden von followers, die friends in den sozialen Netzwerken, oder doch eher die nächsten Familienangehörigen und die drei guten Freunde?

Mit dem social distancing geht auch eine gehörige Portion Misstrauen einher. Vertrauen ist aber der Kitt, der unsere Beziehungen zusammenhält. Was nun, wenn wir niemandem mehr trauen können!? Was ist eigentlich echtes Vertrauen und wie können wir Vertrauen lernen? In der krassen Massnahme des sozialen Abstands steckt viel Anspruchsvolles, viel Wertvolles, viel Lernpotential für unsere Beziehungen.

Und das Beziehungsthema hat in der Corona-Lektion noch eine viel grössere Komponente: Massenveranstaltungen – menschliche Rudelbildung! – geht nicht mehr! Ist nun das Prinzip Mensch als gehorsames, blindes Herdentier wohl an seine Grenzen gekommen? Könnte es sein, dass unser soziales Bewusstsein einen Reifegrad erreicht hat, in dem ein ganz neues Miteinander möglich ist? Sind wir wohl darum so krass auf unsere (kleine) persönliche Welt zurückgedrängt worden, um da den Keim für ein neues Miteinander zu entdecken?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

In der Tat, zurzeit geht gehörig die Post ab. Müssen wir uns wohl oder übel mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Corona-Lektion für unsere Gesellschaft und Wirtschaft nicht nur ein vorübergehendes Facelifting ist, sondern geradezu ein umfassendes, ja radikales System-Update. Ideal auch, wenn wir uns mit diesem Gedanken nicht nur vertraut machen, sondern uns mit ihm geradezu anfreunden, ihn willkommen heissen! Denn nur dann, so scheint mir, haben wir die konstruktive Einstellung, um aus Schwierigkeiten zukunftsträchtige Möglichkeiten zu machen. ‒ Auf geht’s!

«Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne»

Hermann Hesse, 1877 - 1962,
Aus dem Gedicht «Stufen»